Dreizehn Jahre Schule. Wir lernen, pünktlich zu sein, Hausaufgaben zu machen, stillzusitzen, wenn es klingelt. Wir lernen den Satz des Pythagoras, die Ursachen des Dreißigjährigen Krieges und wie man eine Gedichtanalyse schreibt. Dann geht es in die Ausbildung oder ins Studium, danach in den Job. Montag bis Freitag, acht Stunden am Tag, ein Leben lang.
Und irgendwo auf diesem Weg steht man vor seinem ersten Kontoauszug, seinem ersten Kreditangebot, seiner ersten Steuererklärung. Und merkt: Das hat mir nie jemand erklärt.
Das ist keine Übertreibung. Bei einer Umfrage des Portals Finanztip wusste fast jeder Zweite nicht, dass bei einem Dispokredit Zinsen anfallen. Nicht die Höhe der Zinsen. Sondern dass es überhaupt welche gibt.
Schauen wir ehrlich hin, was Schule vermittelt: Pünktlichkeit, Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Teamfähigkeit. Alles Eigenschaften, die einen guten Arbeitnehmer ausmachen.
Was fehlt, ist das, was nach dem Gehaltseingang passiert.
Die Menschen spüren das. In einer INSA-Umfrage gaben nach eigener Einschätzung nur 13 Prozent an, eine gute Finanzbildung in der Schule erhalten zu haben. In einer anderen Befragung sagten vier von fünf Deutschen, sie hätten im Unterricht wenig oder nichts über Finanzen gelernt.
Die Antwort ist weniger spektakulär als eine Verschwörung, aber vielleicht gerade deshalb ärgerlich. Es gibt keinen geheimen Plan. Es gibt überfüllte Lehrpläne, sechzehn Bundesländer mit eigenen Zuständigkeiten und eine berechtigte Sorge: Wer soll Finanzbildung unterrichten, ohne dass Banken und Versicherungen ihre Produkte gleich mit ins Klassenzimmer bringen?
Die Lehrergewerkschaft GEW warnte bereits, die Schule könne zu einer „Arena der Lobbyisten“ werden.
Und die Politik? 2023 kündigte die Bundesregierung eine nationale Finanzbildungsstrategie an. Heute, drei Jahre später, setzen sich Initiativen dafür ein, dass die in der vergangenen Legislatur erarbeiteten Entwürfe überhaupt wieder aufgegriffen werden. Eine Strategie, die in der Schublade liegt.
Hier lohnt ein Blick ins Steuerrecht, denn er erklärt viel. Wer arbeitet, zahlt Einkommensteuer nach einem Stufenmodell, das bis zu 45 Prozent reicht, dazu Sozialabgaben. Wer Geld aus Kapital bezieht, also aus Zinsen, Dividenden oder Kursgewinnen, zahlt die Abgeltungsteuer. Die liegt pauschal bei 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer, also maximal bei rund 28,6 Prozent.
Kritiker bemängeln, die Abgeltungsteuer bevorzuge Bezieher höherer Einkommen, weil sie den Höchstsatz von 45 auf 25 Prozent senkt. Befürworter halten dagegen, dass Unternehmensgewinne bereits vorher besteuert werden: Rechnet man die Unternehmenssteuern von rund 30 Prozent mit ein, komme man auf eine Gesamtbelastung von etwa 48 Prozent.
Beides stimmt in seiner Logik. Aber für dich als Arbeitnehmer bleibt eine einfache Erkenntnis:
Das heißt nicht, dass Reiche nicht arbeiten. Viele arbeiten sogar sehr viel. Der Unterschied ist: Sie sind nicht nur von ihrer Arbeitskraft abhängig.
Stell dir vor, du hasst deinen Job. Dein Chef behandelt dich schlecht, du bist erschöpft. Kündigst du?
Die ehrliche Antwort hängt für die meisten nicht nur vom Job ab, sondern auch vom Kontostand. Und der sieht bei vielen düster aus: Fast ein Drittel der Bevölkerung verfügte 2024 über keine ausreichenden Rücklagen, um unerwartete Kosten wie Reparaturen zu decken. Als Maßstab galt eine Summe ab 1.250 Euro.
Wer so lebt, funktioniert. Er muss funktionieren. Er kann nicht verhandeln, nicht abwarten, nicht Nein sagen. Wer dagegen ein Polster hat, kann sich Zeit nehmen. Für die bessere Stelle, für die Weiterbildung, für einen Neuanfang.
Wie ungleich das verteilt ist, zeigen die Zahlen der Bundesbank: Die obersten 10 Prozent hielten mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens, auf die untere Hälfte entfielen durchschnittlich gerade einmal 0,6 Prozent.
Und ein Detail daraus finde ich besonders aufschlussreich: Das Vermögen der unteren Hälfte besteht zu einem Großteil aus risikoarmen Anlagen wie Einlagen. Selbst wer spart, spart oft so, dass die Inflation sein Geld langsam auffrisst.
Es wäre bequem, jetzt einfach mit dem Finger auf „die da oben“ zu zeigen. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit.
Die Werbung, die dir jeden Tag erzählt, was dir noch fehlt. Der „Jetzt kaufen, später zahlen“-Button. Das neue Handy auf Raten. Das Abo, das du vor zwei Jahren abgeschlossen und vergessen hast. Der Lebensstil, der mit jeder Gehaltserhöhung mitwächst.
Und manchmal auch das Leben selbst: Bei Menschen in der Schuldnerberatung sind Krankheit und Arbeitslosigkeit die Hauptauslöser der Überschuldung.
Und jetzt die gute Nachricht. Finanzbildung braucht keine höhere Mathematik und kein Wirtschaftsstudium. Die Grundlagen passen auf einen Bierdeckel: Gib weniger aus, als du verdienst. Leg zuerst etwas für dich zur Seite. Bau dir ein Polster. Meide teure Schulden. Lass dein Geld langfristig für dich arbeiten.
Die junge Generation hat das längst verstanden. In einer Forsa-Umfrage gaben 93 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, dass Geld und Finanzen bereits in der Schule ausführlich vermittelt werden sollten. Das Interesse ist da. Es fehlt nur das Angebot.
Und ich sage dir aus eigener Erfahrung: Wenn man einmal angefangen hat, wird es spannend. Plötzlich verstehst du Nachrichten, die vorher nur Rauschen waren. Du erkennst Verkaufstricks, bevor sie wirken. Du siehst dein Konto wachsen, langsam, aber stetig.
Ja, unbedingt. Und das meine ich ernst. Lesen, Schreiben, Rechnen, kritisches Denken, Durchhaltevermögen: Ohne diese Grundlagen kannst du keinen Vertrag verstehen, keine Zinsrechnung nachvollziehen und keine Werbelüge durchschauen.
Die Schule legt das Fundament. Sie baut nur das Stockwerk nicht, auf dem das Geld wohnt.
Gehört Finanzbildung als eigenes Fach in die Schule? Oder liegt es an uns selbst, es zu lernen? Schreib mir, ich bin gespannt auf deine Sicht.
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